Fachanwaltskanzlei für Strafrecht Kling

Mannheim

                                                    Der Fall Babies - Tod eines Obdachlosen ...

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Keiner hätte es alleine gemacht - Urteilsverkündung

Prozess um gewaltsamen Tod eines Obdachlosen: Die Motive der jungen Täter bleiben weiter im Dunkeln

Mannheim. Im Prozess um den gewaltsamen Tod eines Wohnsitzlosen hat das Mannheimer Landgericht am Montag die Urteile verkündet. Der 20-jährige Haupttäter muss eine Jugendstrafe von fünf Jahren verbüßen. Drei 15-jährige wurden zu Bewährungsstrafen von zwei Jahren verurteilt und müssen an einem sozialen Training teilnehmen. Das Landgericht befand die vier der Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig. Ein 14-jähriger Mitangeklagter erhielt eine Bewährungsstrafe von 15 Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung.

"Gott, verzeih Euch." Das waren die letzten Worte des Opfers Johann Babies zu den Tätern. Die fünf Jungen hatten den 54-Jährigen im Oktober 2003 vor seiner Waldhütte in Neulußheim schwer misshandelt. Über Stunden hinweg traktierten sie ihn mit Fußtritten und schlugen mit Knüppeln auf den schreienden und sich erbrechenden Mann ein. Ein Holzpfahl brach durch die Wucht entzwei. "Das Opfer war kein Mensch mehr, sondern eine Sache, auf die man eintreten kann", zeigte sich Verteidiger Manfred Zipper entsetzt. Sein heute 20-Jähriger Mandant tat sich offenbar besonders grausam hervor. So hatte sich der Zweimeter-Mann mit seinem vollen Gewicht von mehr als 130 Kilogramm

Das Opfer "aus Langeweile verkloppt" 

auf den Brustkorb des "Waldmenschen" gestellt. Das Opfer erlitt mehrere Knochen- und Rippenbrüche sowie Einblutungen am ganzen Körper. Ein Gutachter verglich die Verletzungen mit denen eines Verkehrsunfalls. Die Angeklagten hätten voraussehen können, dass der Mann an den Folgen der Verletzungen versterben werde, so die Jugendkammer. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", mahnte der Vorsitzende Richter Mattias Schwab. 

Auch in dem elftägigen Prozess konnte letztlich nicht geklärt werden, warum die Täter Johann Babies quälten und dann seinem Schicksal überließen. Die Jungen hätten den Mann "aus Langeweile verkloppt", vermutet Verteidiger Manfred Zipper. "Wir wollten die Zeit totschlagen", soll einer von ihnen bei Vernehmungen gesagt haben.

Ein Motiv hatte allenfalls der Älteste. Im Sommer 2003 wurde er von dem Obdachlosen mit einer Schaufel geschlagen, der sich wohl durch provozierende Jugendliche gestört fühlte. Aber erst einige Wochen später rückte der junge Mann mit seinen Kumpels an, um "Penner-Paul", wie sie ihn nannten, zu bestrafen. Zu mehreren schlugen sie auf den 54-Jährigen ein. Das Opfer machte ein Friedensangebot, entschuldigte sich und gab ein Bier aus. Zwei Tage später verlangte der damals 19-Jährige von dem Wohnsitzlosen eine vorformulierte Entschuldigung nachzusprechen. Als dieser sich weigerte, fielen die fünf Jungen brutal über ihn her. Zwischendurch legten sie eine Zigarettenpause ein und unterhielten sich mit dem Opfer.

Doch warum hat sich keiner von ihnen dem Gewaltexzess entzogen oder Hilfe geholt? Auch mehrere strafunmündige Kinder sahen zu und unternahmen nichts. Anwälte sprachen von "gruppendynamischen Prozessen." Die Angeklagten seien in eine Art "Blutrausch" geraten, glaubt Verteidiger Zipper. Eines scheint klar: "Alleine hätte es niemand gemacht", ist sich Anwalt Maximilian Endler mit seinen Kollegen einig. Und: "Sie haben geprügelt, weil sie nicht außerhalb der Gruppe stehen wollten", glaubt Endler. Einen Tag später schauten einige der Täter nach Johann Babies, doch da war er bereits tot.

Die Anwälte der vier Jugendlichen zeigten sich zufrieden mit den Urteilen, auch Verteidiger Steffen Kling. Nicht jedoch Verteidiger Zipper, dessen Mandant als einziger eine Haftstrafe verbüßen muss. "Er fühlt sich ungerecht behandelt und glaubt, die anderen hätten die gleiche Strafe verdient", berichtete Zipper, der seinen Mandanten als "Riesenbaby" bezeichnete. Er erwägt nun, das Urteil anzufechten. Die Staatsanwaltschaft habe "schlecht ermittelt", die vier Mitangeklagten hätten sich vor ihrer Aussage miteinander "abgesprochen", kritisierte der Verteidiger. So hätten die Jugendlichen vor Gericht gleichförmige Aussagen und identische Formulierungen verwendet. Staatsanwalt Lars Oltrogge hatte sechseinhalb Jahre für den Ältesten gefordert - wegen Totschlags. Ein Tötungsvorsatz konnte dem Heranwachsenden jedoch nicht nachgewiesen werden. Gutachter attestierten allen Angeklagten eine volle Schuldfähigkeit. Der

"Es sind Kinder aus unserer Mitte" 

heute 20-Jährige sei jedoch in seiner Entwicklung zurückgeblieben und somit strafrechtlich einem Jugendlichen gleichzustellen. Dem hat sich das Gericht angeschlossen. Auch am letzten Tag blieb die Öffentlichkeit wegen des Alters der Beschuldigten von dem Prozess ausgeschlossen.

Neulußheims Bürgermeister Gerhard Greiner will die Täter "nicht ausgrenzen, sondern aushalten". Und: Man müsse ihnen verzeihen und eine zweite Chance geben. "Es sind Kinder aus unserer Mitte", gibt er zu bedenken. Sie hätten "nur das vollzogen, was jeden Abend an den Stammtischen geredet wird." Ein Runder Tisch wurde ins Leben gerufen, an dem sich Erzieher, Schulleiter und Sozialarbeiter sowie die Polizei und die Kirche beteiligten. Die Bilanz fast neun Monate nach dem Tod des Wohnsitzlosen ist ernüchternd: "Wir haben noch keine konkreten Erfolge", sagt der evangelische Pfarrer Uwe Sulger, der die drei 15-jährigen Schläger aus dem Konfirmandenunterricht kennt. Dass der gewaltsame Tod des 54 Jahre alten Mannes mit seiner Obdachlosigkeit zu tun hat, dessen ist er sich sicher. Der Heidelberger Kriminologe Dieter Dölling hat bei der Suche nach Antworten auf das brutale Verhalten der Kinder und Jugendlichen zwei Erklärungsansätze. "Der Einfluss der Jugendlichen aufeinander ist sehr stark - stärker als der der Eltern", erklärt der Direktor des Instituts für Kriminologie an der Universität Heidelberg.

Die Cliquen bildeten Führungspersönlichkeiten heraus, denen wegen des Gruppenzugehörigkeitsgefühls nachgeahmt werde. Da der 20 Jahre alte Haupttäter den anderen intellektuell unterlegen war, habe er sich durch sein gewalttätiges Handeln offenbar produzieren wollen, analysiert Dölling. Diese verhängnisvolle Wechselseitigkeit könne die Tat ausgelöst haben. 

Die verwahrloste Hütte, in der Johann Babies hauste, wurde inzwischen abgerissen. An deren Stelle soll ein Gedenkstein an den "Waldmenschen" erinnern, der in seiner Heimatstadt Siegburg beigesetzt wurde

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Rhein-Neckar-Zeitung am 6.7.2004